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Beziehungen und Werte

Sinn finden: wie du merkst, was dir wirklich wichtig ist

Michael Hoffmann · Stand

Fragst du dich manchmal, wozu das alles gut ist? Sinn finden gelingt selten über die große Frage nach dem Sinn des Lebens, denn die bleibt meistens leer. Leichter wird es, wenn du auf die Momente schaust, die sich für dich sinnvoll angefühlt haben. Sie zeigen dir nach und nach, was dir wichtig ist, und daraus wird eine Richtung.

Woran du es merkst

Am Sonntagabend stehst du am Bügelbrett, und neben dir liegen fünf Hemden für die Woche. Beim dritten Hemd zischt das Eisen, und auf einmal ist die Frage da: Wozu eigentlich? Die Woche, für die du gerade bügelst, wird aussehen wie die letzte, und die davor sah auch schon so aus.

Beim Frühstück fragt dich deine Tochter, warum du eigentlich jeden Tag ins Büro fährst. Du sagst: „Damit wir die Miete bezahlen können.“ Sie nickt und isst ihr Müsli weiter. Dir geht der Satz aber den ganzen Vormittag nach, weil er stimmt und trotzdem nicht reicht.

Auf dem fünfzigsten Geburtstag eines alten Schulfreunds erzählt jemand am Buffet, dass er bei der Bank gekündigt hat und jetzt eine Lehre als Tischler macht. Alle finden das mutig. Auf der Heimfahrt schaust du lange auf die Lichter an der Autobahn und fragst dich, was du an diesem Buffet über dein eigenes Leben erzählt hättest. Dir fallen deine Stelle und dein letzter Urlaub ein, aber nichts davon klingt nach dir.

Und dann gibt es diesen Samstag im Mai, an dem du deinem Nachbarn hilfst, ein Hochbeet zu bauen. Drei Stunden lang sägt ihr Bretter zu und streitet euch über die richtige Höhe, und die Frage nach dem Wozu taucht kein einziges Mal auf. Abends hast du Erde unter den Fingernägeln und ein ruhiges Gefühl, das du nicht ganz erklären kannst.

Wenn dir das bekannt vorkommt, geht es dir wie sehr vielen Menschen. Die Frage nach dem Sinn meldet sich oft, wenn sich etwas verschiebt, zum Beispiel nach einem runden Geburtstag oder wenn die Kinder dich weniger brauchen. Manche nennen das eine Sinnkrise. Mit deinem Leben ist deshalb nichts falsch. Oft ist nur die alte Richtung nicht mehr von selbst klar, und du spürst, dass du sie neu ablesen musst.

Was dahinter steckt

Die Frage „Was ist der Sinn meines Lebens?“ ist so groß, dass keine Antwort auf sie passt. Dein Kopf sucht nach einem einzigen Satz, der alles erklärt und alles rechtfertigt, und dieser Satz kommt nicht. Die Leere, die dann bleibt, fühlt sich an wie ein Versagen. Sie sagt aber viel über die Frage aus und wenig über dich.

Früher war der Weg für viele Menschen vorgezeichnet. Sie blieben oft ein Leben lang im selben Ort und im selben Betrieb, und die Landkarte für ihr Leben lag schon bereit. Heute ändern sich die Wege schneller, und was mit dreißig gepasst hat, passt mit fünfzig oft nicht mehr. Eine Landkarte veraltet da schnell. Was dir in solchen Zeiten hilft, ist eher ein Kompass, also das Wissen, was dir wirklich wichtig ist. Mit ihm findest du auch dann eine Richtung, wenn der Weg vor dir neu ist.

Dazu kommt eine Verwechslung, die fast alle Menschen kennen: Erfolg und Sinn sehen von außen ähnlich aus, und doch sind sie etwas anderes. Die Beförderung hat dich vielleicht eine Woche lang gefreut. An den Abend, an dem du deiner Freundin nach ihrer Trennung beim Umzug geholfen hast, denkst du dagegen nach Jahren noch, obwohl es dabei nichts zu gewinnen gab. Das eine hat dir etwas eingebracht, das andere hat dir etwas bedeutet.

Solche Momente passieren mitten im Leben, meistens zusammen mit anderen Menschen, und du erkennst sie oft erst hinterher. Sinn entsteht eher beim Tun als beim Nachdenken.

Und im Alltag gewinnt fast immer das Dringende. Es meldet sich laut, mit Erinnerungen und Klingeltönen, während das Wichtige still wartet, bis du Zeit hast. So kann ein ganzes Jahr voller erledigter Dinge vergehen, ohne dass du an dem gearbeitet hast, was dir etwas bedeutet.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du grübelst über die große Frage. An einem ruhigen Abend nimmst du dir ein Notizbuch und schreibst oben auf die Seite „Mein Lebenssinn“. Eine Stunde später steht darunter immer noch nichts, und du fühlst dich schlechter als vorher. Je länger du eine zu große Frage anschaust, desto größer wird sie.

Du suchst nach der einen Leidenschaft. Überall liest du, dass du nur deiner Leidenschaft folgen musst, und wenn du keine findest, fühlst du dich, als würde dir etwas fehlen, das alle anderen haben. Die meisten Menschen haben mehrere Dinge, die ihnen wichtig sind, und keine einzige große Leidenschaft. Das reicht völlig.

Du planst den großen Ausstieg, zumindest im Kopf, und stellst dir vor, wie du kündigst und irgendwo am Meer ein kleines Café aufmachst. Manchmal ist eine große Veränderung richtig. Wenn du aber nicht weißt, was dir wichtig ist, nimmst du die Frage einfach mit, und am Meer stellt sie sich genauso wie zu Hause.

Du hältst dich beschäftigt. Du sagst zu jedem Projekt Ja und planst jedes Wochenende durch, damit die Frage keinen Platz findet. Ein voller Kalender fühlt sich aber nicht von selbst sinnvoll an, und spätestens am Sonntagabend am Bügelbrett ist die Frage wieder da.

Oder du schiebst die Frage weg, weil sie dir wie ein Luxus vorkommt. Andere haben echte Sorgen, sagst du dir, und machst weiter. Die Frage verschwindet davon nicht. Sie wird nur leiser und meldet sich an Abenden, an denen du nicht mit ihr rechnest.

Alle diese Wege suchen den Sinn im Kopf oder in einer fernen Zukunft. Meistens liegt er näher, in dem, was du schon erlebt hast, und in dem, was du morgen tun kannst.

Was wirklich hilft

Mach die Frage kleiner. Statt „Was ist der Sinn meines Lebens?“ fragst du dich: „Wann hat sich in den letzten Wochen etwas sinnvoll angefühlt?“ Auf die große Frage findest du selten eine Antwort. Auf die kleine findest du fast immer eine, und meistens sogar mehrere.

Sammle deine Momente und lies das Muster ab. Schreib jeden Moment mit ein, zwei Sätzen auf und lies die Liste nach ein paar Wochen in Ruhe durch. Vielleicht taucht immer wieder auf, dass du jemandem etwas erklärst, oder dass du mit deinen Händen etwas baust. So ein Muster sagt dir mehr über deine Werte als jeder Test aus einem Ratgeber.

Eine kleine Übung für einen ruhigen Moment: Setz dich bequem hin und leg eine Hand auf dein Brustbein. Erinnere dich an einen Moment, in dem etwas in dir „dafür“ gesagt hat. Es muss kein Erfolg gewesen sein, oft sind es ganz unscheinbare Szenen. Schau dir an, wo du warst und wer dabei war. Stell dir vor, unter deiner Hand sitzt ein Kompass, und spür nach, wohin seine Nadel bei dieser Erinnerung ausschlägt. Dann hol einen zweiten Moment dazu und frag dich, was die beiden gemeinsam haben. Bleib danach noch ein paar Atemzüge lang mit deiner Hand auf dem Brustbein sitzen.

Nimm dir jeden Abend eine kleine Gelegenheit für morgen vor. Vielleicht kannst du jemandem beistehen, der gerade viel um die Ohren hat, oder eine Sache besonders sorgfältig machen, statt sie nur abzuhaken. Manchmal reicht es auch, wenn du einen Moment lang bemerkst, wie schön das Licht im Treppenhaus ist. Das klingt klein, und das soll es auch. Wer jeden Tag eine solche Kleinigkeit tut, fragt sich nach einer Weile seltener, wozu das alles gut ist.

Schau ab und zu vom Ende her auf deine Woche. Stell dir vor, du sitzt in vielen Jahren an einem ruhigen Abend und schaust zurück. Was von dieser Woche wird dann gezählt haben? Meistens sind es Menschen und Momente, selten Termine. Gib dem, was dann zählt, einen festen Platz in deinem Kalender, bevor das Dringende deine Woche füllt.

So übst du es mit Innenstark®

Der Kompass und die Hand auf dem Brustbein sind keine Erfindung für diesen Artikel. Sie sind der Kern des Themas Sinn finden in der Innenstark®-App, zu dem vier Wege gehören. In „Der innere Kompass“ erinnerst du dich an Momente, die sich sinnvoll angefühlt haben, und merkst daran, wofür deine Nadel ausschlägt. In „Momente, die zählen“ legst du eine innere Galerie mit solchen Momenten an, und je öfter du sie besuchst, desto deutlicher wird das Muster dahinter. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Eine große Antwort musst du dafür nicht mitbringen.

Sinn finden in der App hören

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Häufige Fragen

Was mache ich, wenn ich mich frage, wozu das alles gut ist?

Nimm die Frage ernst, aber mach sie kleiner. Frag dich, wann sich in den letzten Wochen etwas sinnvoll angefühlt hat, und schau dir diese Momente genau an. Daraus wird nach und nach eine Richtung, auch ohne große Antwort.

Was ist der Unterschied zwischen Sinn und Erfolg?

Erfolg misst, ob du ein Ziel erreicht hast. Sinn spürst du, wenn etwas in dir „dafür“ sagt, oft bei Dingen, die niemand misst. Ein erfolgreicher Tag kann sich leer anfühlen, und ein ganz unscheinbarer Tag kann dir viel bedeuten.

Wie finde ich heraus, was mir wichtig ist?

Schau zurück statt nach vorn. Sammle Momente, in denen du dich am richtigen Platz gefühlt hast, und frag dich, was sie verbindet. Das Muster, das du dabei entdeckst, zeigt dir deine Werte genauer als jede Liste.

Muss ich mein Leben komplett ändern, um Sinn zu finden?

Meistens musst du das nicht. Oft reicht es, im Alltag, den du schon hast, mehr Platz für das zu schaffen, was dir wichtig ist. Große Veränderungen können richtig sein, aber sie gelingen leichter, wenn du vorher weißt, wohin deine innere Nadel zeigt.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.