Kennst du das? Etwas ist entschieden oder geschehen, und du kämpfst trotzdem jeden Tag dagegen an. Wenn du dich machtlos fühlst, ist deine Kraft nicht weg, sie steckt in diesem Kampf fest. Was dir bleibt, sind deine nächsten Schritte und die Art, wie du für dich sorgst. Das ist weniger, als du verloren hast, aber es gehört dir.
Woran du es merkst
Am Sonntagnachmittag sitzt du im Auto vor dem Haus deiner Mutter. Der Motor ist aus, auf dem Beifahrersitz steht die Tasche mit ihrem Einkauf, und du steigst noch nicht aus. Seit der Diagnose im Frühjahr hast du jeden Artikel gelesen, den du finden konntest, und eine Mappe voller Fragen angelegt. Du weißt inzwischen mehr über ihre Krankheit als sie selbst, und doch fragt sie dich jede Woche ein bisschen öfter, welcher Tag heute ist.
Am Donnerstagabend räumst du die Spülmaschine aus, und dein Handy liegt neben dem Wasserkocher. Dein Sohn hat im September gesagt, dass er erst einmal Abstand braucht. Seitdem hast du ihm viermal eine Nachricht geschrieben und sie viermal wieder gelöscht. Zwischen zwei Tellern schaust du nach, wann er zuletzt online war, und weißt genau, dass dir diese Uhrzeit nichts verrät.
Oft spürst du den Kampf gar nicht als Kampf. Du merkst ihn daran, dass du morgens um halb sieben aufwachst und das Thema schon da ist, bevor du die Augen öffnest, und an einer Müdigkeit, die viel größer ist als alles, was du an diesem Tag getan hast. Wenn die Bäckerin fragt, wie es dir geht, sagst du „geht schon“, und erst draußen fällt dir auf, dass du die ganze Zeit die Luft angehalten hast.
Erkennst du dich hier wieder? Dann bist du nicht allein, und mit dir ist auch nichts falsch. Fast jeder Mensch kämpft zuerst gegen das, was ihm wehtut, und meistens umso mehr, je mehr ihm daran liegt. Schwer wird es erst, wenn der Kampf nicht mehr aufhört, obwohl längst klar ist, dass er nichts bewegt.
Was dahinter steckt
Dein Kopf ist dafür gebaut, Probleme zu lösen, und solange er eine Lösung für möglich hält, sucht er weiter. Eine Diagnose lässt sich aber nicht lösen, und die Entscheidung eines erwachsenen Menschen auch nicht. Dein Kopf versteht diesen Unterschied schlecht. Er legt dir die Sache immer wieder vor, als hättest du nur noch nicht lange genug nachgedacht.
Bei Angst kannst du fliehen, bei Wut kannst du laut werden. Bei Ohnmacht scheint es nichts zu tun zu geben, und das hält kaum ein Mensch lange aus. Deshalb tut dein Kopf lieber irgendetwas als nichts, auch wenn dieses Irgendetwas dich nur müde macht.
Dazu kommt, dass sich Aufhören wie Verrat anfühlt. Solange du kämpfst, hast du deine Mutter nicht im Stich gelassen und deinen Sohn nicht aufgegeben. Wenn du aufhörst, gibst du zu, dass es wirklich so ist, und genau das tut weh. Also kämpfst du weiter, und das hat mehr mit Liebe zu tun als mit Unvernunft.
Dieser Kampf ist wie ein Tauziehen. Am anderen Ende des Seils zieht das, was du nicht ändern kannst, und es wird niemals müde. Akzeptieren heißt nicht, dass du verlierst oder es gut findest. Es heißt, dass du das Seil fallen lässt.
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Du kontrollierst, was du kontrollieren kannst, und zwar alles. Du liest jeden neuen Artikel über die Krankheit deiner Mutter, und um elf Uhr abends sortierst du den Gewürzschrank neu. Das beruhigt dich für eine Stunde, denn Wissen und Ordnung fühlen sich wie Einfluss an. Die eigentliche Sache bleibt davon unberührt, und die Menschen um dich herum spüren den Druck.
Du verhandelst mit der Vergangenheit und sagst dir Sätze wie: „Hätte ich früher etwas bemerkt, wäre es jetzt nicht so.“ Das fühlt sich nach Verantwortung an. In Wahrheit versuchst du damit, im Nachhinein Macht über etwas zu bekommen, das längst geschehen ist, und übrig bleibt vor allem Schuld.
Du hältst dich an dem fest, was andere dir mitgeben: „Alles hat seinen Sinn“ oder „Kopf hoch, anderen geht es schlechter“. Das ist gut gemeint, aber es lässt dich allein, weil es den Schmerz überspringt. Geht es dir danach nicht besser, kommt zur Ohnmacht noch das Gefühl dazu, etwas falsch zu machen.
Oder du gibst ganz auf. „Ist doch eh egal“, denkst du, und dann sagst du den Chorabend ab und gehst nicht ans Telefon, wenn deine Freundin anruft. Von außen sieht das aus wie Annehmen. Du hast aber mit dem Seil alles fallen lassen, auch das, was noch in deiner Hand lag.
Die ersten drei Versuche ziehen weiter am Seil, der letzte lässt alles los. Keiner davon fragt, was jetzt noch bei dir liegt, und genau dort wäre deine Kraft gut aufgehoben.
Was wirklich hilft
Sprich den schweren Satz einmal laut aus: „Das kann ich nicht ändern.“ Er tut weh, und er darf wehtun. Hinter der Ohnmacht steckt oft Trauer, um einen Plan oder um einen Menschen, wie er einmal war, und Trauer wird leichter, wenn sie da sein darf. Gut finden musst du den Satz nicht, es reicht, dass du ihn aussprichst.
Mach eine ehrliche Inventur mit zwei Listen. Auf die eine schreibst du, was nicht in deiner Hand liegt, auf die andere, was in deiner Hand liegt. Die erste Liste wird länger sein, und das darf sie auch. Auf der zweiten steht trotzdem immer etwas, zum Beispiel, dass du am Sonntag mit deiner Mutter Kuchen isst, statt sie zu korrigieren, oder der eine Satz an deinen Sohn: „Ich bin da, wenn du so weit bist.“ Danach schreibst du ihm nichts mehr und lässt ihm seine Zeit.
Eine kleine Übung für einen ruhigen Moment: Setz dich hin und leg deine Hände locker auf deine Oberschenkel. Stell dir vor, sie halten das Seil, und schließ sie dabei ein wenig. Spür in deinen Unterarmen und Schultern, wie lange du schon ziehst. Dann atme lang aus und öffne dabei ganz langsam deine Finger, bis das Seil zu Boden fällt. Was am anderen Ende steht, ist immer noch da, es zerrt nur nicht mehr an dir. Schau zum Schluss auf deine offenen Hände und frag dich, was du heute mit ihnen tun willst.
Frag nach der Richtung statt nach dem Ergebnis. Wie es ausgeht, liegt nicht bei dir. Was für ein Mensch du in dieser Zeit sein willst, liegt sehr wohl bei dir. Such dir für heute eine kleine Handlung, die in diese Richtung zeigt, einen Anruf vielleicht oder ein ehrliches Wort. Ein Grad Kursänderung reicht.
Sorg für dich, gerade jetzt. Geh bei Tageslicht eine Runde um den Block, und erzähl einem Menschen davon, der nichts lösen muss und dir einfach zuhört. Das klingt klein, aber es steht ganz oben auf deiner zweiten Liste.
So übst du es mit Innenstark®
Das Seil aus der Übung oben ist keine Erfindung für diesen Artikel. Es ist der Kern des Themas Wenn ich nichts ändern kann in der Innenstark®-App, zu dem drei Wege gehören. In „Das Seil fallen lassen“ übst du genau diesen Moment, und in „Die Richtung bleibt frei“ holst du deinen inneren Kompass hervor und suchst nach einer kleinen Handlung für heute. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Die Sache, um die es geht, verschwindet dadurch nicht, aber sie zerrt weniger an dir.
Wenn ich nichts ändern kann in der App hören
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Häufige Fragen
Heißt akzeptieren, dass ich mich mit allem abfinde?
Nein. Wenn du dich abfindest, gibst du alles auf, auch das, was noch in deiner Hand liegt. Wenn du akzeptierst, hörst du nur dort auf zu kämpfen, wo sich nichts bewegen lässt, und hast dadurch mehr Kraft für den Rest.
Warum bin ich so erschöpft, obwohl ich nichts tun kann?
Weil dein Kopf weiterarbeitet, auch wenn von außen nichts passiert. Das ständige Durchspielen und Dagegenhalten kostet Kraft, oft rund um die Uhr. Diese Müdigkeit ist echt, und sie zeigt dir, dass du an einer Stelle ziehst, an der sich nichts bewegt.
Was kann ich tun, wenn wirklich nichts in meiner Hand liegt?
Fast immer liegt etwas darin, nur ist es kleiner, als du es dir wünschst. Wie du heute mit dir umgehst und wem du dich anvertraust, bleibt bei dir. Fang mit einer Kleinigkeit an.
Was mache ich, wenn ich doch wieder dagegen ankämpfe?
Dann hast du das Seil wieder in die Hand genommen, und das passiert jedem. Mach dir keinen Vorwurf daraus, sondern öffne mit einem langen Ausatmen noch einmal deine Hände. Das kannst du so oft tun, wie du es brauchst.
Über den Autor

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.