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Schwere Zeiten

Trauer bewältigen: warum dein Schmerz kein Problem ist, das du lösen musst

Michael Hoffmann · Stand

Vielleicht liest du das, weil ein Mensch gestorben ist, der zu deinem Leben gehört hat. Trauer bewältigen klingt nach einer Aufgabe, die du irgendwann erledigt hast. Deine Trauer ist aber kein Problem, das du lösen musst. Sie ist die Form, die deine Liebe annimmt, wenn der Mensch fehlt. Sie kommt in Wellen und hält sich an keinen Zeitplan.

Woran du es merkst

Du stehst im Supermarkt vor dem Kühlregal und greifst nach dem Joghurt, den dein Vater immer gegessen hat. Erst mit dem Becher in der Hand fällt es dir wieder ein. Du stellst ihn zurück und bleibst eine Weile stehen, während hinter dir jemand mit seinem Wagen wartet.

Am Sonntag um sechs nimmst du das Telefon in die Hand, weil das die Zeit für den Anruf bei deiner Mutter war. Ihre Nummer ist noch in deinen Kontakten gespeichert, und du bringst es nicht über dich, sie zu löschen. Manchmal spielst du die alte Sprachnachricht ab, nur um ihre Stimme zu hören.

Dann gibt es Tage, an denen es fast gut geht. Du lachst mit deinen Kollegen in der Kaffeeküche, und auf der Heimfahrt läuft im Radio ein Lied, das euch beiden gehört hat. Du musst rechts ranfahren, weil du vor Tränen nichts mehr siehst. Kurz danach meldet sich das schlechte Gewissen, weil du vorhin gelacht hast.

Nach ein paar Monaten fragen die anderen seltener. Wenn doch jemand fragt, sagst du „geht schon“, weil du das Gefühl hast, dass du längst weiter sein müsstest.

Wenn du das kennst, ist mit dir alles in Ordnung. So sieht Trauer bei sehr vielen Menschen aus, auch wenn kaum jemand offen darüber spricht. Du bist damit nicht allein.

Was dahinter steckt

Trauer ist die Antwort auf eine Bindung, die ihr Gegenüber verloren hat. Dein Leben war an vielen kleinen Stellen auf diesen Menschen eingestellt, auf seine Anrufe und auf seinen Platz am Tisch. Jede dieser Stellen läuft jetzt ins Leere, und jedes Mal begreifst du den Verlust ein Stück neu. Deshalb ist Trauer keine einmalige Einsicht, sondern ein langsames Umlernen, das dein ganzes Leben betrifft.

Trauer verläuft nicht in einer geraden Linie. Du hast vielleicht von Phasen gehört, die man der Reihe nach durchläuft. Solche Modelle können helfen, Gefühle einzuordnen, aber sie sind kein Fahrplan, den du einhalten musst. Die meisten Menschen erleben ihre Trauer eher als Wellen. Eine Welle steigt an, und irgendwann ebbt sie wieder ab. Zwischen den Wellen gibt es ruhigere Zeiten, und dann kommt an einem Geburtstag oder bei einem vertrauten Geruch die nächste.

Dein Körper trauert mit. Viele spüren eine Enge in der Brust oder einen Druck im Magen, dazu eine Müdigkeit, die tiefer sitzt als sonst. Du vergisst Termine und liest Sätze, ohne sie zu verstehen. Das ist keine Schwäche. Dein ganzes System ist damit beschäftigt, etwas sehr Großes zu verarbeiten.

Und Trauer hat keinen Zeitplan. Manche Menschen fühlen sich nach einem Jahr etwas leichter, andere erst viel später. An Jahrestagen kommt der Schmerz oft noch einmal mit Wucht zurück. Die Liebe zu diesem Menschen bleibt, und mit ihr bleibt ein Teil der Trauer. Mit der Zeit wird sie meist weicher, und du findest einen Weg, mit ihr zu leben.

Was viele tun, und warum es auf Dauer nicht hilft

Du funktionierst. Nach der Beerdigung kümmerst du dich um die Formulare und um die Wohnung, und danach stürzt du dich in die Arbeit. Das ist verständlich, denn Aufgaben geben dir Halt, wenn alles andere wankt. Nur wartet die Trauer, bis es ruhiger wird, und kommt dann oft mit voller Wucht.

Du reißt dich vor anderen zusammen. Du willst niemanden belasten, und du willst nicht vor deinen Kollegen weinen. Also weinst du nur im Auto oder unter der Dusche. Das schützt dich im Moment, aber es lässt dich mit deinem Schmerz sehr allein.

Du meidest alles, was dich erinnert. Du räumst die Fotos in eine Kiste und schaltest das Radio aus, bevor ein bestimmtes Lied kommen kann. Dahinter steckt der Wunsch, dass es weniger wehtut, und dieser Wunsch ist mehr als verständlich. Doch was du wegschiebst, meldet sich an anderer Stelle, und die schönen Erinnerungen verschwinden mit in der Kiste.

Du setzt dir eine Frist. Nach dem ersten Jahr muss es doch besser sein, sagst du dir, oder du hörst diesen Satz von anderen. Jede Welle, die danach kommt, fühlt sich dann wie ein Rückschritt an, obwohl sie einfach zur Trauer gehört.

Du fragst dich immer wieder, was du hättest anders machen können. Hättest du früher anrufen sollen, hättest du etwas merken müssen? Diese Fragen kommen, weil dein Kopf verzweifelt nach Kontrolle sucht, wo keine mehr möglich ist. Sie halten dich fest, statt dir Frieden zu geben.

All das tun Menschen aus Not, und nichts davon musst du dir vorwerfen. Jeder dieser Wege versucht, einen Schmerz auszuhalten, der eigentlich zu groß ist. Auf Dauer brauchen deine Gefühle aber einen Platz, an dem sie da sein dürfen.

Was wirklich hilft

Lass die Wellen kommen. Wenn eine Welle dich erfasst, musst du nichts dagegen tun. Setz dich hin, wenn du kannst, und lass die Tränen laufen. Eine Welle, gegen die du nicht ankämpfst, ebbt meist schneller wieder ab, und du merkst mit der Zeit, dass du sie überstehst.

Gib deiner Trauer einen Ort und eine Zeit. Manche Menschen zünden am Abend eine Kerze an, andere schreiben dem Menschen, den sie verloren haben, Briefe, die niemand sonst liest. So ein Ritual gibt deinem Schmerz einen Rahmen, und außerhalb davon fällt dir der Alltag oft ein wenig leichter.

Sprich über den Menschen, der fehlt. Erzähl die Geschichten und sag seinen Namen laut. Viele Freunde schweigen aus Unsicherheit, weil sie dich nicht traurig machen wollen. Wenn du ihnen sagst, dass du gern über ihn sprichst, nimmst du ihnen die Scheu.

Nimm Hilfe an, auch wenn sie ungeschickt daherkommt. Wenn jemand anbietet, für dich einzukaufen, sag ja. Menschen finden oft nicht die richtigen Worte, aber eine Suppe vor deiner Tür sagt dasselbe.

Eine kleine Übung für den Moment, in dem eine Welle kommt: Leg eine Hand auf deine Brust und die andere auf deinen Bauch, und spür die Wärme deiner Hände. Atme einmal lang aus. Stell dir vor, du stehst am Meer, und die Welle, die jetzt kommt, steigt an und fließt irgendwann wieder zurück. Du musst sie nicht aufhalten und nicht kleiner machen. Deine Hände halten dich, solange sie da ist.

Und sei geduldig mit dir, gerade an schweren Tagen. Der Geburtstag und der erste Jahrestag dürfen schwer sein. Plan für diese Tage etwas Kleines, das dir guttut, oder verbring sie mit einem Menschen, der den Verstorbenen auch gekannt hat.

So übst du es mit Innenstark®

Die Welle aus der Übung oben und die Geste, mit der du dich selbst hältst, sind keine Erfindung für diesen Artikel. Sie sind der Kern des Themas Trauer halten in der Innenstark®-App. Dort findest du drei Wege, darunter „Wellen & Halten“, das dir einen sicheren inneren Ort gibt, an dem dein Kummer da sein darf, und „Halt im Körper“, das dich über Wärme und Schwere spüren lässt, wie dein Körper dich hält. Keiner der Wege will deinen Schmerz wegnehmen. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu.

Trauer halten in der App hören

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Häufige Fragen

Wie lange dauert Trauer?

Trauer hat keinen festen Zeitplan. Bei vielen Menschen wird sie nach und nach weicher, bei anderen dauert es länger, und an Jahrestagen kann sie wieder stark werden. Das ist kein Rückschritt, sondern gehört zur Trauer dazu.

Gibt es feste Phasen der Trauer?

Es gibt Modelle, die Trauer in Phasen beschreiben, und manchen Menschen helfen sie beim Einordnen. Die meisten erleben ihre Trauer aber eher in Wellen, die ohne feste Reihenfolge kommen und gehen. Du musst keine Phase richtig durchlaufen.

Ist es normal, dass ich zwischendurch lachen kann?

Ja. Gute Momente verraten den Menschen nicht, den du verloren hast. Sie zeigen, dass du zwischen den Wellen Luft holen kannst, und diese Luft brauchst du.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Hol dir Hilfe, wenn deine Trauer über lange Zeit deinen Alltag lahmlegt oder wenn Gedanken aufkommen, nicht mehr leben zu wollen. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr unter 0800 111 0 111. Auch eine Trauerbegleitung oder eine Psychotherapie kann dir helfen.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.