Wissen · Selbstwert und innere Stärke

Selbstwert und innere Stärke

Selbstliebe lernen: warum du bei Fehlern die Seite wechselst

Michael Hoffmann · Stand

Wie sprichst du mit dir, wenn etwas schiefgeht? Selbstliebe lernen heißt nicht, dich schönzureden. Es heißt, eine einzige Frage neu zu beantworten: An wessen Seite stehst du, wenn du einen Fehler machst? Die meisten Menschen wechseln genau dann die Seite und stellen sich zu ihren eigenen Anklägern. Zurück auf deine Seite kommst du nicht durch ein besseres Gefühl, sondern durch eine Entscheidung.

Woran du es merkst

Es ist kurz nach halb acht, du räumst die Spülmaschine aus, und ein Glas rutscht dir aus der Hand. Bevor du den Besen holst, kommt der erste Satz in deinem Kopf: „Schon wieder. Idiot.“ Es ist ein Ton, den du für niemanden sonst benutzen würdest, und für dich benutzt du ihn täglich.

Am Sonntag liegst du mit Fieber auf dem Sofa. Du bist krank, und statt Ruhe kommt eine Rechnung: der Bericht, den du gerade nicht schreibst, das Training, das ausfällt, der Haushalt, der liegen bleibt. Du ziehst dich fürs Kranksein zusammen, als wärst du dein unliebsamster Mitarbeiter.

Deine Freundin ruft an und erzählt, dass sie im Meeting einen Termin vergessen hat. Du sagst: „Das passiert doch jedem.“ Eine Stunde später verwechselst du zwei Zahlen in einer Mail, und dein innerer Ton ist ein völlig anderer. Für dieselbe Frage hast du zwei Stimmen, und die freundliche gilt nur für andere.

Für deine Gäste kaufst du den guten Kaffee und die echte Schokolade. Wenn du allein bist, trinkst du den alten Rest aus der Dose. Du gönnst anderen das Bessere und dir, was übrig bleibt, und findest das völlig normal.

Wenn du dich darin wiedererkennst, bist du nicht allein. Die meisten Menschen sind zu anderen freundlich und zu sich selbst streng, und sie halten das für Normalität. Freundlichkeit nach innen wirkt anfangs fremd, wie ein Kleid in der falschen Größe. Sie passt sich an, aber nur mit der Zeit.

Was dahinter steckt

Selbstliebe ist kein Gefühl, das irgendwann von allein kommt, sie ist eine Entscheidung, und sie stellt sich immer neu: An wessen Seite stehst du? Für deine Freunde ist die Frage längst beantwortet. Wenn deine beste Freundin scheitert, stellst du dich neben sie, hörst zu und sagst ihr, dass sie mehr ist als dieser eine Tag. Bei dir selbst wechselst du die Seite, sobald es hart wird. Aus einem Fehler wird ein Verfahren, und du sitzt bei der Anklage.

Der harte Ton hat einmal eine Aufgabe gehabt. Irgendwann hast du gelernt, dass Strenge dich weiterbringt, und seitdem hält die Stimme dich für deinen Antrieb. Sie verspricht: Wenn du dich schlecht genug fühlst, gibst du endlich mehr zu. In Wirklichkeit machst du deine Sachen trotz dieser Stimme, nicht wegen ihr. Wer Angst vor dem eigenen Richter hat, denkt eng und handelt vorsichtig, und das Gegenteil wäre nötig.

Dazu kommt die Buchhaltung in deinem Kopf. Ein Fehler bekommt sofort Bedeutung für dein Ganzes: Aus einem Glas wird „immer“, aus einer vertauschten Zahl wird „typisch du“. Was gut läuft, verblasst schnell, und übrig bleibt eine Sammlung von Vorwürfen, die wie Belege wirken. Mit so einer Sammlung im Regal fällt der Schuldspruch leicht, jeden Abend aufs Neue.

Und die strenge Stimme ist nicht dein Feind. Sie will dich schützen, vor der Blamage und vor dem Vorwurf, du nähmest dich zu wichtig, und sie hat ihren Auftrag zu früh bekommen und zu lange behalten. Du musst sie nicht loswerden. Es reicht, ihren alten Auftrag zu sehen und ihr einen leichteren zu geben: aufpassen statt vorführen. Die Wärme, die du für jeden anderen übrig hast, darfst du schrittweise auch für dich einsetzen.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du hältst den harten Ton für deinen Antrieb. Ohne die Strenge, glaubst du, wird nichts aus dir, also lieferst du dich ihr täglich aus. Aber der Antrieb war nie die Stimme. Du hast deine Sachen immer trotz ihr gemacht, und jede Aufgabe ist unter diesem Ton schwerer geworden, nicht leichter.

Du belohnst dich stattdessen. Nach einer harten Woche kaufst du dir etwas, gönnst dir das Bad, die Schokolade, den freien Abend. Das alles ist schön, aber es ändert den Ton nicht. Die Belohnung kommt von jemandem, der dich streng ansieht, und genau deshalb erholt sie so wenig.

Du schiebst die Liebe auf später. Wenn die Wohnung fertig ist, wenn die fünf Kilo weg sind, wenn die Beförderung kommt, dann darfst du dich mögen. Unter jeder erledigten Bedingung wächst eine neue, und so lebst du auf Bewährung, ohne dass das Urteil je gesprochen wird.

Du arbeitest an Fehlerlosigkeit. Wenn du nichts falsch machst, gibt es nichts anzuklagen, also perfektionierst du dich. Das klingt logisch und macht das Gericht nur größer, denn jetzt hat es zu jedem Detail etwas zu sagen. Und gelebt hast du in dieser Zeit auch nicht, nur funktioniert.

Du wehrst jede Freundlichkeit als Selbstmitleid ab. Freundliche Worte von dir an dich kommen dir weich vor, wie ein Vorwand zum Ausruhen. Die beiden haben wenig gemeinsam. Selbstmitleid jammert und bleibt liegen, ein freundlicher Blick fragt: Was brauchst du jetzt? Wer diese Frage nie stellen darf, dem bleibt nur das Durchhalten.

Alle diese Wege drehen sich um Leistung und Beweise: erst arbeiten, dann mögen. Keiner beantwortet die Frage, um die es eigentlich geht: An wessen Seite stehst du, gerade jetzt?

Was wirklich hilft

Beobachte den Seitenwechsel, ohne ihn zu korrigieren. Wenn heute Abend der harte Satz kommt, ergänze innerlich nur: „Wieder die Anklage.“ Nichts weiter. Ein Muster, das du bemerkst, verliert an Macht, und das ist der erste Zug auf deine Seite.

Sprich in der Situation die Sprache, die du längst kennst. Was würdest du zu deiner Freundin sagen, die das Glas fallen lässt? Genau diesen Satz darfst du für dich benutzen, Wort für Wort. Er muss sich anfangs nicht echt anfühlen. Der Ton kommt zurück, wenn du ihn regelmäßig benutzt.

Bring Taten in die Beziehung zu dir. Gut zu dir sein ist keine Stimmung, sondern eine Praxis: der gute Kaffee auch ohne Gäste, die Pause, die du sonst streichst, das Nein zum Sonntagstermin. Wähl einen kleinen Beweis für morgen aus und führ ihn aus wie einen Termin mit einem Menschen, der dir wichtig ist.

Eine kleine Übung für den nächsten Fehler: Leg deine Hände auf deine Oberarme, so, als würde dich jemand ruhig halten. Atme länger aus als ein und stell dir den Menschen vor, der bedingungslos auf deiner Seite steht, wie er dasteht und wie er guckt. Atme noch einmal lang aus und denk innerlich: „Ich bin auf meiner Seite.“ Bleib eine Weile so sitzen. Deine eigenen Hände auf den Armen werden mit der Zeit zum Zeichen, und irgendwann ruft die Geste allein den Ton zurück, nach dem du gesucht hast.

Vom Gericht zur Reparatur. Nach dem nächsten Fehler frag nicht „Was sagt das über mich?“, sondern „Was braucht es jetzt?“. Besen holen, Mail korrigieren, anrufen, entschuldigen. Eine Reparatur dauert Minuten und ist danach vorbei. Ein Verfahren gegen dich selbst findet nie ein Ende, wenn du es nicht einstellst.

Und gib der neuen Seite Routine. Menschen, die über einige Wochen kurze geführte Übungen machen, berichten oft von besserer Stimmung und mehr Wohlbefinden, schon mit ein paar Minuten am Tag und auch allein mit dem Handy. Die Wirkung ist moderat und spürbar, und für die Frage, auf wessen Seite du stehst, reicht genau das.

Im Arbeitsalltag

Im Job ist der harte Ton oft als Anspruch getarnt. Wer sich nach jedem Fehler selbst vorführt, wartet beim nächsten Mal länger mit der Meldung, und irgendwann kostet das Vorhaben mehr als der Fehler je gekostet hätte. Strenge gegen die eigene Person ist kein Qualitätsmerkmal. Sie ist ein Risiko, das in keiner Risikoliste steht.

Führungskräfte geben hier die Richtung vor, ob sie es wollen oder nicht. Wer eigene Fehler nebenbei benennt, macht das Zugeben leichter, als jede Richtlinie es könnte. Anerkennung wirkt, wenn sie sofort kommt und konkret ist. Beides zusammen sagt deinen Leuten: Hier darf man Mensch sein, und deshalb darf man auch ehrlich sein.

Kurze geführte Übungen im Gesundheitsangebot sind ein leiser Baustein in dieselbe Richtung. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.

So übst du es mit Innenstark®

Die Hände auf deinen Armen aus der Übung oben sind keine Erfindung für diesen Artikel. Sie sind der Kern des Themas Selbstliebe & Selbstmitgefühl in der Innenstark®-App: vier Wege. „Auf deiner Seite“ bringt dich zurück zu deinem inneren Verbündeten, „Die täglichen Beweise“ macht aus Freundlichkeit eine Praxis, und die „Lange Reise“ führt dich zu der strengen Stimme und ihrem alten Auftrag. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du musst dich nicht mögen, wenn du anfängst. Das kommt später.

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Häufige Fragen

Ist Selbstliebe nicht eine Form von Egoismus?

Nein. Egoismus nimmt auf niemanden Rücksicht, Selbstliebe nimmt die Rücksicht, die du für andere längst aufbringst, und richtet einen Teil davon nach innen. Wer gut auf sich achtet, braucht weniger von anderen und hat mehr für sie übrig.

Was mache ich, wenn mir freundliche Sätze zu mir selbst fremd vorkommen?

Das ist normal und kein Zeichen, dass es bei dir nicht funktioniert. Du hast den strengen Ton jahrelang geübt, den freundlichen noch nie. Fang mit Taten statt mit Gefühlen an, mit der Geste und mit einem einzigen Satz. Nach ein paar Wochen klingt es weniger falsch.

Heißt Selbstliebe, dass ich meine Fehler schönrede?

Nein. Ein Fehler bleibt ein Fehler, und du darfst ihn benennen und reparieren. Es geht um den Ton und um die Frage, wer neben dir steht, während du das tust. Aus einem Verbündeten heraus geht Verantwortung leichter als aus einem Verfahren.

Wie lange dauert es, bis sich der innere Ton ändert?

Die meisten spüren nach ein paar Wochen kleiner, regelmäßiger Praxis einen Unterschied, oft zuerst im Rückblick: Der harte Satz kam, und du hast ihn gehört, ohne ihm zu folgen. Gefühle folgen mit Verzögerung, Taten wirken sofort.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.