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Ruhig bleiben als Führungskraft: warum dein Team deine Nervosität spürt

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Die Zahlen sind schlecht, du hast noch kein Wort gesagt, und trotzdem wird es im Raum still. Dein Team liest deinen Zustand, lange bevor es deine Worte hört. Ruhig bleiben als Führungskraft heißt deshalb nicht, den Druck wegzulächeln. Es heißt, einen festen Ort in dir zu haben, von dem aus du entscheidest, auch wenn draußen der Alarm läuft.

Woran du es merkst

Es ist Montag, 9:15 Uhr, und im Besprechungsraum läuft die Präsentation mit den Quartalszahlen. Die Folie mit dem Umsatz geht auf, und du merkst, wie deine Stimme schneller wird. Du sprichst in halben Sätzen und klickst zur nächsten Folie, bevor jemand fragen kann. Dein Team schaut auf den Tisch statt auf dich.

Nach der Ankündigung der Umstrukturierung sitzt deine Mitarbeiterin im Vier-Augen-Gespräch vor dir und fragt, ob ihre Stelle sicher ist. Du weißt es selbst noch nicht genau. Du lächelst und sagst: „Mach dir keine Sorgen.“ An ihrem Blick siehst du, dass sie dir kein Wort glaubt. Dein Lächeln war schneller als deine Ruhe.

Am Nachmittag ist deine Bürotür zu, und du tippst Mails im Stakkato. Wer an deinem Büro vorbeigeht, bleibt nicht mehr stehen, und niemand klopft. Am Abend erfährst du, dass ein Problem mit einem Kunden seit dem Mittag bekannt war. Keiner wollte es dir sagen, solange du so aussahst.

Auf der Heimfahrt merkst du an der Ampel, dass dein Kiefer seit Stunden fest ist. Deine Schultern stehen so hoch, als hättest du den ganzen Tag etwas Schweres gehalten.

Wenn du das kennst, bist du in guter Gesellschaft. Die meisten Führungskräfte, die unter Druck nervös werden, sind weder ungeeignet noch zu weich. Sie halten nur den ganzen Tag etwas fest, und irgendwann sieht man es ihnen an.

Was dahinter steckt

Menschen in einer Gruppe schauen in unsicheren Momenten auf den, der den Überblick hat. Das ist ein sehr alter Mechanismus: Wenn die Person an der Spitze unruhig wird, muss etwas nicht stimmen. Dein Team achtet deshalb auf dein Gesicht und auf das Tempo, mit dem du sprichst, und zwar lange bevor es deine Argumente prüft. Das passiert nicht absichtlich, es passiert in Sekundenbruchteilen. Deshalb helfen gute Worte wenig, wenn dein Körper gerade etwas anderes sagt.

Unter Druck schaltet dein Körper auf Alarm. Dein Puls geht hoch, und dein Atem wird flach. Für eine kurze Gefahr ist das sinnvoll. Eine Umstrukturierung dauert aber Monate, und aus dem kurzen Alarm wird ein Dauerzustand. Im Alarm siehst du weniger Möglichkeiten, du entscheidest hastig oder schiebst die Entscheidung vor dir her. Der Alarm macht dich schnell, aber er macht dich nicht klug.

Dazu kommt, dass Stimmungen ansteckend sind. Deine Nervosität springt auf dein Team über, und im Team wächst sie weiter, weil jeder die Unruhe des anderen sieht. Die gute Nachricht ist: Deine Ruhe steckt genauso an. Wenn du ruhig bist, beruhigt sich der Raum, ohne dass du ein Wort darüber verlieren musst.

Und dann ist da die Dauerspannung. Als Führungskraft hältst du den ganzen Tag deine Haltung und den Überblick. Das sitzt irgendwann als Anspannung in deinem Nacken und in deinem Kiefer. Wer nie loslässt, hat keinen Puffer mehr, wenn es wirklich eng wird.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du spielst Ruhe. Du setzt ein Pokerface auf und sprichst betont langsam. Dein Team merkt aber den Unterschied zwischen gespielter und echter Ruhe. Gespielte Ruhe wirkt kühl, und dann fängt das Rätselraten an, was du verschweigst.

Du beschwichtigst. „Alles halb so wild“, sagst du, während die Zahlen eine andere Sprache sprechen. Das klingt freundlich, aber es kostet dich Glaubwürdigkeit, und beim nächsten Mal glaubt dir niemand, wenn es wirklich halb so wild ist.

Du ziehst dich zurück, bis du dich wieder gefasst hast. Du machst die Tür zu und sagst Termine ab. Dein Team füllt die Lücke mit Vermutungen, und die Vermutungen sind fast immer schlimmer als die Wahrheit.

Du legst Tempo zu. Du setzt mehr Meetings an und fragst öfter nach als sonst. Das fühlt sich an wie Kontrolle, ist aber oft nur Alarm, und dein Team rennt hinter dir her, ohne zu wissen, wohin.

Du hoffst auf das Wochenende. Der Samstag im Garten tut dir gut, das stimmt. Am Montag um neun ist der Druck aber wieder da, und du hast nichts in der Hand, was du mittendrin einsetzen kannst.

Alle diese Wege arbeiten an dem, was man von außen sieht. Dein Team liest aber den Zustand darunter, und den erreichst du mit keinem dieser Wege.

Was wirklich hilft

Sag, was ist, und sag es in kurzen Sätzen. „Die Zahlen sind schlecht. Ich weiß noch nicht alles. Am Donnerstag sage ich euch, wie es weitergeht.“ Ehrliche Sätze beruhigen mehr als Zuversicht, die niemand glaubt. Dein Team muss dann nicht zwischen den Zeilen lesen, und genau das nimmt ihm die Unruhe.

Werde langsamer, bevor du sprichst. Bevor du in den Besprechungsraum gehst, spür für einen Moment deine Füße auf dem Boden und atme einmal lang aus. Sprich deinen ersten Satz langsamer, als dir zumute ist. Dein Tempo gibt den Takt für den ganzen Raum vor.

Trenne das Reagieren vom Entscheiden. Wenn eine schlechte Nachricht hereinkommt, musst du nicht sofort antworten. Ein Satz wie „Ich melde mich in einer Stunde bei dir“ ist kein Zeichen von Schwäche. Er zeigt deinem Team, dass du aus Überlegung handelst und nicht aus dem ersten Schreck.

Lass zwischendurch los, was du den ganzen Tag festhältst. Zwischen zwei Terminen lässt du deinen Kiefer locker und deine Schultern sinken. Das dauert zehn Sekunden, und niemand sieht es. Dein Körper bekommt dabei die Nachricht, dass er nicht ständig auf dem Sprung sein muss.

Eine kleine Übung für den nächsten Termin unter Druck: Stell dir vor, um dich herum dreht sich ein Sturm. Die Zahlen und die Fragen deines Teams wirbeln durch die Luft, und alles scheint gleichzeitig zu brennen. Du stehst in der Mitte, im Auge des Sturms, und dort ist es still. Atme lang aus und spür, wie still es hier ist, während sich außen alles bewegt. Aus dieser Mitte heraus schaust du dir die Lage an. Du musst den Sturm nicht anhalten, um in ihm ruhig zu stehen.

Und such dir Menschen, bei denen du nicht ruhig sein musst. Das kann eine Kollegin auf deiner Ebene sein oder ein Coach. Wer nirgends über seinen Druck sprechen darf, lässt ihn irgendwann an seinem Team aus, und das meist an der falschen Stelle.

Im Arbeitsalltag

Ein Unternehmen, das von seinen Führungskräften Ruhe erwartet, muss ihnen auch Raum dafür lassen. Wer von einem Termin in den nächsten hetzt, kommt in jedes Meeting schon mit erhöhtem Puls. Kalender mit echten Pausen zwischen den Besprechungen sind keine Kleinigkeit. Sie entscheiden oft darüber, ob eine Führungskraft ihr Team in Ruhe oder im Alarm anspricht.

Viel Nervosität entsteht, weil Führungskräfte vor ihrem Team stehen und selbst nichts wissen. In einer Umstrukturierung hilft es, sie früh und ehrlich zu informieren, auch über das, was noch offen ist. Und es hilft eine Kultur, in der der Satz „Das weiß ich noch nicht“ erlaubt ist, von der Geschäftsführung abwärts.

Führungskräfte brauchen außerdem Orte, an denen sie ihren Druck ablegen dürfen, etwa eine kollegiale Beratung oder ein Coaching. Kurze Übungen zum Runterkommen im Gesundheitsangebot sind ein leiser Baustein, der sich im Alltag bewährt. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.

So übst du es mit Innenstark®

Das Auge im Sturm aus der Übung oben ist keine Erfindung für diesen Artikel. Es ist der Kern des Themas Ruhig führen unter Druck in der Innenstark®-App: drei Wege, von „Der ruhige Stand“, einer langen Meditation, in der du zu einem festen Punkt in dir zurückfindest, bis zu einer kurzen Meditation aus klaren, ruhigen Sätzen für den Moment vor einem schwierigen Termin. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du kannst das am Abend machen oder in der Mittagspause, wenn du eine Tür hinter dir schließen kannst.

Ruhig führen unter Druck in der App hören

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Häufige Fragen

Merkt mein Team wirklich, wenn ich nervös bin?

Ja, und meist merkt es dein Team früher als du selbst. Menschen achten in unsicheren Momenten auf die Person, die führt, auf ihr Gesicht und ihr Sprechtempo. Deshalb wirkt dein Zustand oft stärker als deine Worte.

Darf ich als Führungskraft zeigen, dass ich unter Druck stehe?

Ja, solange du es ruhig aussprichst. Ein Satz wie „Das ist gerade eine schwierige Lage, und wir gehen sie Schritt für Schritt an“ macht dich glaubwürdig. Was dein Team verunsichert, ist Druck, den es spürt, über den aber niemand spricht.

Was mache ich, wenn ich mitten im Meeting hektisch werde?

Mach eine kurze Pause und atme einmal lang aus. Sprich deinen nächsten Satz bewusst langsamer, und wenn es passt, sag offen, dass du kurz sortieren willst. Eine Pause wirkt im Raum souveräner als ein schneller Satz.

Kann man Ruhe unter Druck lernen?

Ja, sie ist mehr Übung als Charakter. Wer regelmäßig eine kurze Übung macht, findet im Ernstfall schneller zurück in seine Ruhe. Nach ein paar Wochen merkst du oft schon im ersten Moment, dass der Alarm anspringt, und kannst gegensteuern.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.