Kennst du das? Du setzt dich an eine Aufgabe, du fängst sogar an, und nach drei Minuten bist du in einem anderen Fenster. Wer sich besser konzentrieren will, braucht meist keine stärkere Willenskraft. Dein Tag zerteilt deine Aufmerksamkeit in kleine Stücke, und sie hat dabei verlernt, bei einer Sache zu bleiben. Das kannst du wieder üben.
Woran du es merkst
Es ist 10:20 Uhr, und du sitzt an dem Bericht, den du heute fertig machen willst. Den ersten Absatz hast du geschrieben, und es läuft sogar. Dann blinkt unten rechts eine Nachricht auf. Du schaust nur kurz hin, und weil du schon mal da bist, beantwortest du gleich noch zwei andere. Zurück im Bericht liest du deinen letzten Satz und weißt nicht mehr, wohin er wollte.
In deinem Browser sind neunzehn Tabs offen. In einem davon wartet die Reise, die du buchen wolltest, in einem anderen ein Artikel, den du später lesen willst. Du arbeitest in einem Fenster und spürst die anderen im Nacken, wie Leute, die im Flur auf dich warten.
Im Meeting nickst du an der richtigen Stelle und denkst dabei an die Mail, die du vorhin nur halb gelesen hast. Als jemand dich direkt anspricht, musst du um eine Wiederholung bitten, und dir wird ein bisschen heiß im Gesicht.
Abends nimmst du dir ein Buch mit aufs Sofa, weil du endlich wieder lesen wolltest. Du liest eine Seite, dann liest du sie noch einmal, und beim dritten Mal liegt dein Handy schon in deiner Hand. Du erinnerst dich nicht, danach gegriffen zu haben.
Wenn du das kennst, bist du in guter Gesellschaft. Den meisten Menschen mit Konzentrationsproblemen fehlt weder Verstand noch Fleiß. Ihr Tag ist so gebaut, dass ihre Aufmerksamkeit dauernd unterbrochen wird, und ihr Kopf hat sich darauf eingestellt.
Was dahinter steckt
Konzentration ist kein Zustand, den du einmal herstellst und der dann bleibt. Deine Aufmerksamkeit wandert von Natur aus, das hat sie immer getan. Früher hat sie Menschen vor dem Rascheln im Gebüsch gewarnt, heute springt sie auf jedes Aufleuchten deines Bildschirms an. Neues und Unerwartetes gewinnt in deinem Kopf fast immer gegen das, was du gerade tust.
Jeder Wechsel kostet dich etwas. Wenn du von deinem Bericht in die Nachrichten springst und wieder zurück, bleibt ein Teil deiner Aufmerksamkeit bei der Nachricht hängen. Du brauchst eine Weile, bis du wieder so tief drin bist wie vorher, und genau in dieser Weile kommt oft die nächste Unterbrechung. So vergeht ein Vormittag voller Arbeit, ohne dass du ein einziges Mal richtig in der Sache warst.
Benachrichtigungen wirken stärker, als es aussieht. Auch wenn du nicht hinschaust, weiß ein Teil von dir, dass da etwas liegt. Dieses leise Warten kostet Kraft, und zwar auch dann, wenn dein Handy mit dem Display nach unten auf dem Tisch liegt.
Dazu kommt, dass sich dein Kopf an das Springen gewöhnt. Wer den ganzen Tag zwischen kurzen Häppchen wechselt, trainiert genau das. Nach ein paar Monaten fühlt sich eine Stunde an einer einzigen Sache ungewohnt an, fast unbequem, und deine Hand greift zum Handy, bevor du merkst, dass dir langweilig war.
Und dann ist da die Müdigkeit. Konzentration braucht Energie, und davon hast du nicht unbegrenzt. Wer schlecht geschlafen hat oder seit dem Frühstück ohne Pause am Rechner sitzt, kann sich nicht sammeln, so sehr er es auch will. Das ist keine Schwäche. Dein Körper verlangt dann eine Pause.
Das ist übrigens etwas anderes als Aufschieben. Beim Aufschieben kommst du gar nicht erst in die Aufgabe hinein. Hier bist du schon drin und wirst immer wieder herausgezogen. Wenn dir eher das Anfangen schwerfällt, lies den Artikel über das Aufschieben.
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Du nimmst dir vor, dich jetzt aber wirklich zusammenzureißen. Für ein paar Minuten klappt das, dann blinkt wieder etwas, und du bist weg. Gegen einen blinkenden Bildschirm verlierst du mit Willenskraft auf Dauer, weil der Bildschirm nie müde wird.
Du machst mehrere Dinge gleichzeitig, weil es sich schnell anfühlt. Du hörst im Call zu und schreibst nebenbei eine Mail. In Wahrheit springt dein Kopf zwischen beidem hin und her, und beides wird schlechter, als es einzeln geworden wäre.
Du trinkst den dritten Kaffee. Er macht dich wacher, aber nicht gesammelter. Oft wirst du davon eher unruhig, und deine Gedanken springen noch schneller.
Du wartest auf den perfekten Moment, auf den ruhigen Vormittag ohne Termine. Er kommt selten, und wenn er kommt, bist du so aus der Übung, dass du ihn mit Aufräumen verbringst.
Du ärgerst dich über dich selbst, jedes Mal, wenn du merkst, dass du abgeschweift bist. „Schon wieder“, denkst du, und dieser Ärger ist die nächste Ablenkung. Du bist dann nicht bei deiner Aufgabe, sondern bei deinem Urteil über dich.
Alle diese Wege versuchen, Konzentration zu erzwingen. Sie lässt sich aber nicht erzwingen, du kannst sie nur einrichten und üben.
Was wirklich hilft
Mach Unterbrechungen schwer, bevor du anfängst. Stell dein Handy auf lautlos und leg es in einen anderen Raum, statt es nur umzudrehen. Schließ dein Postfach und alle Tabs, die mit der Aufgabe nichts zu tun haben. Was du nicht siehst, muss dein Kopf nicht abwehren.
Gib dir eine Sache und eine feste Zeit. Nimm dir vor, fünfundzwanzig Minuten nur an diesem einen Bericht zu arbeiten, und stell dir einen Wecker. Danach stehst du auf, holst dir ein Glas Wasser und schaust aus dem Fenster. Kurze, echte Pausen geben deiner Aufmerksamkeit die Kraft zurück, die sie für den nächsten Block braucht.
Leg dir einen Zettel neben die Tastatur. Wenn dir mitten in der Arbeit einfällt, dass du noch die Reise buchen wolltest, schreib es auf und kehr zurück. Dein Einfall ist gerettet, und du musst ihm nicht sofort folgen.
Sei freundlich zu dir, wenn du abschweifst. Das Abschweifen ist kein Fehler, es gehört dazu. Die eigentliche Übung ist das Zurückkommen: Du merkst, dass du woanders bist, und du kehrst ohne Kommentar zu deiner Aufgabe zurück. Jedes Zurückkommen stärkt genau die Fähigkeit, die du dir wünschst.
Eine kleine Übung für den Moment vor einer wichtigen Aufgabe: Setz dich hin und schließ für zwei Minuten die Augen. Stell dir vor, deine Aufmerksamkeit ist Licht, das gerade überall verstreut liegt, auf deinen Mails und auf dem Gespräch von gestern. Nun hältst du ein Brennglas in dieses Licht, und mit jedem Ausatmen sammelt es sich ein Stück mehr, bis es auf einen einzigen warmen Punkt fällt. Dieser Punkt ist die Sache, die du gleich tun wirst. Wenn ein Gedanke dazwischenkommt, nennst du ihn leise beim Namen, etwa „Planen“ oder „Mail“, und lenkst dein Licht zurück auf den Punkt. Dann öffnest du die Augen und fängst an.
Und kümmere dich um deine Energie. Geh mittags ein paar Schritte an die frische Luft und iss etwas Richtiges. Leg die schwierigste Arbeit in die Stunden, in denen du erfahrungsgemäß am wachsten bist, und nicht in das Tief nach dem Mittagessen.
Im Arbeitsalltag
Unkonzentrierte Teams sind selten faule Teams. Meist sind es Teams, in denen jeder jederzeit erreichbar sein soll. Wenn auf eine Chatnachricht innerhalb von Minuten eine Antwort erwartet wird, arbeitet niemand mehr lange am Stück an einer Sache, und die anspruchsvolle Arbeit rutscht in den Abend.
Führungskräfte können hier viel bewegen, ohne jemandem vorzuschreiben, wie er zu arbeiten hat. Feste Zeiten ohne Meetings, etwa zwei Vormittage in der Woche, geben Raum für Arbeit, die Tiefe braucht. Eine Absprache, welcher Kanal für Dringendes gilt und welcher warten darf, nimmt vielen das ständige Nachschauen ab. Und eine Führungskraft, die in Besprechungen nicht nebenbei tippt, zeigt mehr als jede Regel.
Kurze Übungen zum Sammeln vor wichtigen Aufgaben passen gut in ein Gesundheitsangebot, weil sie nur wenige Minuten brauchen und sich direkt vor einen Termin legen lassen. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.
So übst du es mit Innenstark®
Das Brennglas aus der Übung oben ist keine Erfindung für diesen Artikel. Es ist der Kern des Themas Konzentration in der Innenstark®-App: drei kurze Wege für den Moment vor der Arbeit, darunter „Atem-Sammlung“ und „Die Treppe zur Klarheit“, in der du die eine Sache benennst, auf die sich deine Aufmerksamkeit gleich richtet. Eine ruhige Stimme führt dich, und du hörst einfach zu. Danach beginnst du gesammelt statt zerstreut.
Konzentration in der App hören
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Häufige Fragen
Warum kann ich mich so schlecht konzentrieren?
Meist liegt es weniger an dir als an deinem Tag. Ständige Unterbrechungen und Benachrichtigungen zerteilen deine Aufmerksamkeit, und nach jedem Wechsel brauchst du eine Weile, bis du wieder drin bist. Wenn Müdigkeit dazukommt, fehlt deinem Kopf schlicht die Kraft zum Dranbleiben.
Wie lange kann man sich am Stück konzentrieren?
Das ist von Mensch zu Mensch und von Tag zu Tag verschieden. Viele kommen mit Blöcken von zwanzig bis vierzig Minuten gut zurecht, danach hilft eine kurze Pause mit Bewegung. Probier aus, welche Länge bei dir passt, und plane die Pausen gleich mit ein.
Hilft Musik beim Konzentrieren?
Das hängt von der Musik und von der Aufgabe ab. Gleichmäßige Musik ohne Text stört viele Menschen wenig, Lieder mit Text ziehen deine Aufmerksamkeit dagegen auf sich, vor allem beim Lesen und Schreiben. Wenn du merkst, dass du mitsingst, ist es Zeit, sie auszumachen.
Kann man Konzentration trainieren?
Ja. Jedes Mal, wenn du merkst, dass du abgeschweift bist, und freundlich zurückkommst, übst du genau das. Wer das ein paar Wochen lang bewusst macht, merkt meist, dass er schneller in eine Aufgabe hineinfindet und länger dabeibleibt.
Über den Autor

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.