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Einsam fühlen: warum Einsamkeit nichts mit der Zahl deiner Kontakte zu tun hat

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Du sitzt mit anderen am Tisch, alle reden, und trotzdem fühlst du dich, als säßest du hinter einer Glasscheibe. Wer sich einsam fühlt, hat nicht unbedingt zu wenige Kontakte, sondern zu wenig Verbindung, die ankommt. Einsamkeit ist kein Urteil über dich. Sie ist ein Signal, so wie Durst eines ist, und sie sagt dir, dass dir Nähe fehlt.

Woran du es merkst

Es ist Samstagabend, du hast dir etwas Schönes gekocht, und auf dem Tisch steht ein einziger Teller. Deine Wohnung ist so still, dass du den Kühlschrank summen hörst. Du scrollst durch die Bilder der anderen, auf denen alle an langen Tischen sitzen und lachen. Dann legst du dein Handy mit dem Display nach unten neben den Teller.

Vor einem halben Jahr bist du für den neuen Job in eine andere Stadt gezogen. Deine Kollegen sind nett, mittags esst ihr zusammen in der Kantine. Aber am Freitag um sechs fahren alle nach Hause zu ihren Leuten, und du merkst, dass es hier niemanden gibt, den du einfach anrufen könntest.

Du liegst neben deinem Partner auf dem Sofa, der Fernseher läuft, und ihr habt den ganzen Abend kaum ein Wort gewechselt, das über den Einkauf hinausging. Er ist einen halben Meter von dir entfernt, und trotzdem fühlt es sich an, als wäre er in einem anderen Zimmer.

Vielleicht bist du zweiundzwanzig und hast Hunderte Kontakte in deinem Handy, aber niemanden, dem du erzählen würdest, wie es dir wirklich geht. Vielleicht bist du fünfundsiebzig, und viele Menschen, mit denen du früher telefoniert hast, leben nicht mehr. Beim Frühstück fällt dir auf, dass dein Telefon seit Dienstag nicht geklingelt hat.

Wenn du dich in einer dieser Szenen wiederfindest, bist du nicht allein, auch wenn es sich gerade genau so anfühlt. Menschen in jedem Alter kennen Einsamkeit, in der Großstadt genauso wie auf dem Dorf. Sie sagt nichts darüber aus, ob du liebenswert bist.

Was dahinter steckt

Einsamkeit fühlt sich an wie eine Tatsache: „Ich bin allein.“ Sie ist aber eher ein Gefühl mit einer Botschaft. Dein Körper meldet Hunger nach Verbindung, genauso wie er Durst meldet, wenn du zu wenig getrunken hast. Menschen sind dafür gemacht, mit anderen zu leben, und wenn diese Verbindung fehlt, schlägt dein inneres System Alarm. Dieses Gefühl zeigt also nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es zeigt dir, dass dir etwas fehlt, das jeder Mensch braucht.

Deshalb hat Einsamkeit wenig mit der Zahl deiner Kontakte zu tun. Du kannst viele Menschen um dich haben und dich trotzdem einsam fühlen, wenn keiner von ihnen dich wirklich sieht. Und du kannst allein in deiner Wohnung sitzen und dich verbunden fühlen, weil du weißt, dass jemand an dich denkt. Alleinsein ist ein Zustand, Einsamkeit ist eine Bewertung dieses Zustands. Im Alltag verschwimmt beides leicht.

Einsamkeit hat außerdem einen gemeinen Trick. Sie macht dich müde für genau das, was ihr entgegenwirken würde. Der Anruf fühlt sich schwer an, und die Verabredung kommt dir zu anstrengend vor. Mit jedem Rückzug wird der nächste Schritt größer. Dazu wird dein Kopf in dieser Lage empfindlicher. Ein kurzes „Hab gerade keine Zeit“ klingt dann schnell wie ein Beweis, dass niemand dich will, obwohl der andere vielleicht einfach im Stress war. So entsteht ein Kreislauf, und dieser Kreislauf hat nichts mit Schwäche zu tun.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du ziehst dich zurück, bis es dir besser geht. Das klingt nach Schonung, doch der Rückzug nährt genau das Gefühl, das du loswerden willst. Je länger du wartest, desto höher wird die Schwelle.

Du tust so, als wäre alles gut. Auf die Frage, wie es dir geht, sagst du: „Alles bestens, viel los gerade.“ Damit schützt du dich vor Mitleid, aber du nimmst den anderen auch die Chance, dir nahezukommen.

Du füllst die Stille. Der Fernseher läuft, sobald du die Wohnungstür aufschließt, und im Bett hörst du Podcasts, bis du einschläfst. Die Stimmen machen deine Wohnung weniger still, aber keine von ihnen antwortet dir.

Du nimmst dir etwas Großes vor. Ab Montag willst du dich im Sportverein anmelden und jeden Abend jemanden anrufen. Nach einer Woche ist deine Kraft aufgebraucht, und das Scheitern fühlt sich an wie ein weiterer Beweis, dass es mit dir eben nicht klappt.

Du wartest darauf, dass sich die anderen melden. Schließlich hast du dich zuletzt gemeldet, jetzt sind sie dran. Die anderen denken oft genau dasselbe, und so warten zwei Menschen aufeinander, die sich beide über einen Anruf freuen würden.

Diese Wege setzen entweder zu klein oder zu groß an. Sie verstecken das Gefühl, oder sie verlangen mehr Kraft, als du gerade hast.

Was wirklich hilft

Nimm das Gefühl ernst, ohne ihm alles zu glauben. Du darfst dir sagen: „Ich fühle mich gerade einsam, und das ist ein Signal, kein Urteil.“ Das ändert nicht sofort etwas an deiner Lage. Aber es nimmt dem Gefühl die Behauptung, dass es immer so bleiben wird.

Unterscheide zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Derselbe stille Abend kann sich anfühlen wie „Niemand ist bei mir“ oder wie „Endlich habe ich Zeit für mich“. Probier einmal aus, einen Abend so zu verbringen, wie du ihn mit einem guten Freund verbringen würdest. Koch dir etwas, das du magst, und deck den Tisch mit dem guten Geschirr. Deine eigene Gesellschaft ersetzt keine anderen Menschen, aber sie ist immer für dich da.

Eine kleine Übung für heute Abend: Setz dich bequem hin und stell dir vor, dass von dir aus feine, unsichtbare Fäden zu anderen Menschen führen. Ein Faden geht zu jemandem, der gerade vielleicht an dich denkt. Ein anderer führt zu einem Menschen, den du einmal geprägt hast, vielleicht ohne es zu wissen. Und einer führt zu jemandem, der dich geprägt hat, zu deiner Großmutter oder zu einem alten Lehrer. Manche Fäden sind nah, andere reichen weit zurück. Lass dir Zeit und schau, wie viele du findest. Du musst dir dabei nichts schönreden. Du siehst nur, was deine Einsamkeit gerade verdeckt.

Wähl dann einen einzigen Faden aus und zieh ein kleines bisschen daran. Schick eine Nachricht an jemanden, der dir bei der Übung eingefallen ist, oder grüß deine Nachbarin über den Gartenzaun. Winzig ist erlaubt, und winzig ist sogar der Weg. Wenn du dich in deiner Partnerschaft einsam fühlst, fang auch dort klein an: Stell eine Frage, die über den Einkauf hinausgeht, und leg dafür ein paar Minuten lang die Handys weg.

Such dir Orte, an denen du regelmäßig dieselben Gesichter siehst. Verbindung wächst selten aus einer großen Begegnung, meist wächst sie aus Wiederholung. Vielleicht ist es die Bäckerin, bei der du jeden Morgen dein Brot holst, oder der Mann mit dem Hund, dem du abends im Park begegnest. Aus einem Nicken wird mit der Zeit ein Satz, und aus einem Satz wird irgendwann ein Gespräch.

Und sprich es einmal aus. Sag einem Menschen, dem du vertraust: „Mir fehlt gerade Nähe.“ Das kostet Mut, und oft ist die Antwort überraschend: „Mir geht es genauso.“ Einsamkeit wird kleiner, sobald du sie nicht mehr verstecken musst.

So übst du es mit Innenstark®

Die Fäden aus der Übung oben sind keine Erfindung für diesen Artikel. Sie sind der Kern des Themas Einsamkeit & Verbundenheit in der Innenstark®-App: drei Wege, von „Die unsichtbaren Fäden“ bis zu „Ein Faden heute“, in dem du genau einen kleinen Schritt auf einen Menschen zu wählst. Der erste Weg redet nichts schön. Er macht sichtbar, was die Einsamkeit verdeckt. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu.

Einsamkeit & Verbundenheit in der App hören

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Häufige Fragen

Warum fühle ich mich einsam, obwohl ich nicht allein bin?

Einsamkeit hängt mehr davon ab, ob du dich gesehen fühlst, als davon, wie viele Menschen um dich sind. Du kannst in einer großen Runde sitzen und dich fremd fühlen, wenn niemand wirklich bei dir ankommt. Das ist kein Fehler an dir, es ist ein Zeichen, dass dir eine tiefere Verbindung fehlt.

Ist es normal, sich einsam zu fühlen?

Ja. Fast jeder Mensch kennt Zeiten der Einsamkeit, zum Beispiel nach einem Umzug oder nach einer Trennung. Schwierig wird es, wenn das Gefühl lange bleibt und dir die Kraft nimmt, auf andere zuzugehen.

Was kann ich sofort gegen Einsamkeit tun?

Wähl einen einzigen kleinen Schritt, zum Beispiel eine kurze Nachricht an jemanden, an den du gerade denkst. Du musst dafür kein langes Gespräch führen und nichts erklären. Ein kleiner Kontakt heute hilft dir mehr als ein großer Vorsatz für nächste Woche.

Kann man sich in einer Beziehung einsam fühlen?

Ja, und viele Menschen schämen sich dafür, weil es von außen nicht so aussieht. Oft fehlt nicht die Liebe, sondern das Gespräch über mehr als den Alltag. Eine ehrliche Frage an deinen Partner oder deine Partnerin kann ein Anfang sein.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.